Friedrich Nietzsche: Lebensstationen |
Der Tod des Vaters im Juli 1849 war ein gravierender Einschnitt im Leben Nietzsches und seiner Familie: Über den menschlichen Verlust hinaus bewirkte dessen Stellung als Pfarrer zugleich, daß die Familie nach seinem Tod das Wohnrecht im Röckener Pfarrhaus verlor und sich nach einer neuen Wohnung umsehen mußte. Fündig wurde Nietzsches Mutter Franziska schließlich in der Naumburger Neugasse 11 (heute Neustraße), wo die Mutter mit den Kindern Friedrich und Elisabeth im Frühjahr 1850 einige hofseitige Zimmer bezog. Die beengte Lage nahe der südlichen Stadtmauer (der Wenzelsmauer) machte es Nietzsche nicht leicht, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden. Das ländliche Leben, wie er es aus Röcken kannte, hat er in der damaligen Beamten- und Soldatenstadt Naumburg schmerzlich vermißt. In Naumburg besuchte Nietzsche ab 1850 zunächst die Bürgerschule am Topfmarkt hinter der Wenzelskirche, 1854/55 dann das von Karl Moritz Weber geleitete Propädeutikum am Kramerplatz und anschließend das Domgymnasium.
Nietzsche selbst hat von dem neuen Domizil zunächst kaum profitieren können: Bereits am 5. Oktober 1858 wechselte er an das Gymnasium in den Mauern des ehemaligen Zisterzienserkloster Schulpforta, im Saaletal zwischen Naumburg und Bad Kösen gelegen:
"Wir stehen [...] 5 Minuten vor 5 Uhr auf, waschen und ziehen uns bis 1/4 6 an, haben dann noch Arbeitsstunde bis 3/4 6 und essen dann Frühstück. Um 6 ist Gebet und gleich darauf fangen die Lektionen an. Nachmittags haben wir noch von 4-1/2 5 eine freie halbe Stunde bekommen. Sodann dürfen wir Sonnabend, Mittwoch und Studientag von nach Tische bis 1/2 2 Uhr ins Freie spazieren gehn außer dem gewöhnlichen Sonntagsspaziergang. [...] Das ist doch eine ganz prächtige Neuerung." Auch der Sonntag war nahezu vollständig durchgeplant: Vom Wecken um 6 Uhr früh über diverse gemeinsame Gebete und kurze Ausflüge in den Schulgarten bis in den Nachmittag um 16 Uhr: Erst dann durften die Schüler tun, wonach ihnen der Sinn stand – für zwei Stunden; danach hatten sie sich wieder auf dem Gelände einzufinden und kamen unter "Verschluß". Als Folge dieses Zwangs fanden selbst die häufigen sonntäglichen Treffen mit Mutter und Schwester in aller Regel nicht etwa im Haus der Mutter im Weingarten statt, sondern bei Verwandten im Vorort Almrich, dem westlichsten (und damit Schulpforta nächstgelegenen) Zipfel Naumburgs. Das strenge Reglement erklärt zudem, warum aus Nietzsches Zeit in der Pforte so zahlreiche Briefe in das nur 5 km entfernte Naumburg erhalten sind – es war für ihn die einzige Möglichkeit überhaupt, um mit der Außenwelt in Kontakt zu bleiben. Nietzsches Biograph Werner Ross spricht in diesem Zusammenhang von der "Schulpfortaer Verbannung und Einsamkeit". Und in der Tat stellt sich der Eindruck ein, als ob zwischen den furchterregenden Verhältnissen, wie sie fast 100 Jahre zuvor der junge Schiller an der Stuttgarter Hohen Karlsschule angetroffen und erlitten hatte, und dem Reglement von Schulpforta zu Nietzsches Zeit sich nur wenig verändert hätte.
Seiner Mutter beichtet er diesen Vorfall mit allen Anzeichen protestantischer Zerknirschung am 16. 4. 1863 (KSB, Nr. 350): "Wenn ich dir heute schreibe, so ist es mir eins der unangenehmsten und traurigsten Geschäfte, die ich überhaupt gethan habe. Ich habe mich nämlich sehr vergangen und weiß nicht ob du mir das verzeihen wirst. Mit schwerem Herzen und höchst unwillig über mich ergreife ich die Feder [...] Ich bin also vorigen Sonntag betrunken gewesen und habe auch keine Entschuldigung weiter, als daß ich nicht weiß, was ich vertragen kann. [...] Daß ich sehr niedergeschlagen und verstimmt bin, kannst du dir denken, und zwar mit am meisten, daß ich dir solchen Kummer bereite durch eine so unwürdige Geschichte, wie sie mir noch nie in meinem Leben vorgekommen ist." |